Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst Kächele, Ulm

Nach langer und schmerzhafter Krankheit Prof. Dr. mit. Dr. phil. Horst Kächele starb am 28. Juni 2020, umgeben von seiner Familie. Mit seinem Tod verliert die internationale Psychoanalyse einen der Pioniere der Psychoanalyseforschung, einen engagierten, kämpferischen Psychoanalytiker und eine warmherzige Persönlichkeit. Mit großer Leidenschaft setzte er sich für eine Vision einer offenen, selbstkritischen und empirisch fundierten Psychoanalyse ein, die durch sorgfältige, anspruchsvolle Forschung Türen zur akademischen Welt von Universitäten, psychiatrischen Kliniken und evidenzbasierter Medizin öffnet, ohne Kunst und Literatur zu vernachlässigen. Er entwickelte sich zu einem Marathonläufer für empirische Forschung in der Psychoanalyse. Schon als junger Professor gründete Horst Kächele in den 1980er Jahren den Ulmer Workshop für empirische Forschung in der Psychotherapie, der auf nationaler und internationaler Ebene große Akzeptanz und Bewunderung fand. Viele der führenden psychoanalytischen Forschungsgruppen aus aller Welt präsentierten ihre Projekte in der innovativen, kreativen und inspirierenden Atmosphäre des historisch berühmten Gebäudes der Universität Ulm und vernetzten sich miteinander. Ein zweiter Meilenstein war der „Sonderforschungsbereich 129, Psychotherapeutische Prozesse“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der der Psychoanalyse in der Welt der Wissenschaft große Anerkennung einbrachte und viele junge Wissenschaftler unterstützte, die in diesem Rahmen ihre Doktorarbeiten und Habilitationen verfassen konnten. So verdanken viele von ihnen, auch ich (Marianne Leuzinger Bohleber), ihre akademische Karriere Horst Kächele. Als Schöpfer der sogenannten „Ulmer Schule für Psychotherapie“ sowie Chef des Zentrums für Psychotherapieforschung in Stuttgart (1988-2004) baute er eine Brücke zwischen der Psychoanalyse und der internationalen Gemeinschaft der Psychotherapieforscher und wurde Präsident der Gesellschaft für Psychotherapieforschung in den 1990er Jahren. Nach einem Medizinstudium in Marburg, Leeds (England) und München (1963-69) nahm Horst Kächele die Einladung von Helmut Thomä für eine wissenschaftliche Stelle in der Abteilung für Psychotherapie der Universität Ulm an. Er kombinierte seine Forschungsaktivitäten mit seiner psychoanalytischen Ausbildung am Ulmer Institut für Psychoanalyse (1970 - 1975). Helmut Thomä und Horst Kächele wurden zu einem der fruchtbarsten psychoanalytischen Forschungsduos. Zusammen haben sie ein dreibändiges Lehrbuch für psychoanalytische Therapie geschrieben, das inzwischen in 23 Sprachen übersetzt wurde und heute als Klassiker gilt. Für diese Leistung erhielten die beiden Autoren 2004 den Mary Sigourney Award. Horst engagierte sich leidenschaftlich für die Verbreitung der Psychoanalyse, insbesondere in Osteuropa, wo er als Lehrer mit großer Dankbarkeit verehrt wird. 1996 wurde er Honorarprofessor an der Fakultät für Psychoanalytische Medizin der Universität St. Petersburg. Als Mitarbeiter des Research Training Program (RTP) der International Psychoanalytical Association hat er einen wesentlichen Beitrag zur internationalen Förderung junger Forscher in der Psychoanalyse geleistet. Besonders unter seinen Kollegen in Südamerika wird er als Botschafter der psychoanalytischen Forschung verehrt. Mit vielen von ihnen blieb er im intensiven Austausch über die Mailingliste der RTP Fellows, die Open Door Review oder gemeinsame Forschungsprojekte, wie z mit Juan Pablo Jimenez als Professor für permanente del Universidad de Chile. So war Horst ein äußerst produktiver Forscher mit einer großen Anzahl von Veröffentlichungen, aber auch ein großer Meister der Vernetzung zwischen den Generationen. Auf großzügige Weise, mit einzigartigem Engagement und Leidenschaft, trug er sein psychoanalytisches und wissenschaftliches Wissen buchstäblich auf der ganzen Welt, immer bereit, heftige Kontroversen und Debatten zu führen und sich auf den Weg zu neuen Wissensstränden zu machen.  

Horst Kächele hinterlässt als Psychoanalytiker, Forscher und lieber Freund eine große Lücke. Er kam uns immer wie eine Kerze vor, die an beiden Enden brannte, vielleicht einer der Gründe, warum er uns im Alter von 76 Jahren so schnell verlassen hat. Wir teilen unseren Kummer mit seiner Frau Beate, seinen drei Töchtern, den Enkelkindern, seinem Bruder, Freunde und Kollegen. Wir werden ihn vermissen! 

Marianne Leuzinger-Bohleber & Mark Solms